Ich liebe Gedichte. Diese Liebe hat sich in meiner Jugend in der Zeit entwickelt, als ich anfing, für all die Dinge, die mir wichtig waren, zu arbeiten: für meinen ersten Plattenspieler, meine ersten Schallplatten, meinen Führerschein und mein Studium, dass ich mir selbst finanziert habe.
Als ich das erste Mal in der Dosenfabrik am Band stand und die Stanzen selbst durch den Gehörschutz noch zu hören waren, fing ich an, innerlich Gedichte aufzusagen und auswendig zu lernen, die vom Versmaß zu dem Rhythmus der Maschinen passten. Das bewahrte mich davor, vor Langeweile in eine Wachtrance zu fallen. Aus dieser Zeit der diversen Fabrikarbeiten von der Dosenfabrik, einer Konservenfabrik, einer Nudelfabrik bis hin zur Molkerei stammt mein großer Schatz an Gedichten.
Gestern viel mir beim Durchblättern eines Buches eines meiner Lieblingsgedichte entgegen. Darin geht es um eine kleine Geste, in der in einer bestimmten Situation alles liegen kann, nämlich jemandem die Hand zu reichen.
Wenn ich mir überlege in welchen Zusammenhängen das Handreichen in der deutschen Sprache vorkommt, dann geht das von der Geburt bis Tod und es geht vom Hand geben, schütteln, reichen, nehmen bis hin zu Redewendungen dazu.
🫱 Jemandem die Hand geben
🫱 zur Begrüßung oder auch als Zeichen der Zustimmung
🫱 zur Gratulation
🫱 zur Versöhnung und Frieden stiften
🫱zur Unterstützung, einem kleinen Kind die Hand reichen, damit es die ersten wackeligen Schritte allein gehen kann, oder um jemandem über die Straße zu helfen
🫱 um die Hand eines Menschen anhalten, was so viel bedeutet, wie Hand in Hand gemeinsam durchs Leben zu gehen
🫱 die Hand halten am Krankenbett
🫱 und auch die Hand halten am Sterbebett
In der Coronapandemie hatte ich einen schlimmen Bandscheibenvorfall und konnte sieben Wochen lang nur auf dem Rücken liegen. Ich erinnere mich, wie ich beduselt vom Fentanyl von den Rettungssanitätern aus dem Haus getragen und mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren wurde. Während der Fahrt ins Ungewisse hatte ich unglaubliche Angst. Und da spürte ich plötzlich, wie die Hand des Sanitäters meine Hand sanft streichelte. Für einen Augenblick war die Angst kleiner und ich fühlte mich auf eine seltsame Weise aufgehoben und beschützt. Nachdem ich wieder zu Hause war und mein Mann seinen gesamten Jahresurlaub darauf verwendet hat, um mich zu pflegen, waren die Augenblicke, in denen er einfach nur meine Hand hielt, die, die am heilsamsten waren.
🧡 Eine so kleine Geste, die so viel bewirkt und so viel bedeutet.
Was bedeutet das im Bezug aufs Business?
Ich stamme aus einer Kaufmannsfamilie, in der noch Geschäfte per Handschlag besiegelt wurden.
Als Führungskräfte nehmen wir Auszubildende an die Hand, um sie anzuleiten und zu führen.
In welchen Situationen freust du dich, wenn dir jemand die Hand reicht?
Gibt es eine Person, der du vielleicht jetzt deine Hand reichen möchtest?
Schreib mir gern, was dir dazu durch den Kopf geht. Ich bin gespannt und freue mich.
Und natürlich möchte ich dir auch nicht mein Lieblingsgedicht Bitte von Hermann Hesse vorenthalten:
Wenn du die kleine Hand mir gibst,
Die so viel Ungesagtes sagt,
Hab ich dich jemals dann gefragt,
Ob du mich liebst?
Ich will ja nicht, dass du mich liebst,
Will nur, dass ich dich nahe weiß
Und dass du manchmal stumm und leis
Die Hand mir gibst.



